Conforce

Dawn Chorus

Delsin • 2019

Noch sind die Möglichkeiten scheinbar nicht ausgereizt, wenn es um Techno und seine Abwandlungen geht. Am Ausbau des Genres rackerten sich in den 2010er Jahren wahrscheinlich mehr versierte ProduzentInnen ab, als in irgendeiner anderen Sparte elektronischer Musik. Vielleicht sprechen repetitive Klubrhythmen auch deshalb heute selbst abgekoppelt von bloßer Tanzbarkeit unterm Kopfhörer archaische Wahrnehmungsmuster an, entfalten beispiellose Sogwirkung und hypnotisieren. Boris Bunnik weiß das. Er gehört für diese bald endende Dekade sicher zu jenen Freistilschwimmern, die nicht im Kielwasser der Hypemaschinen ersoffen sind, sondern so etwas wie die vielfach angepriesene eigene Signatur jenseits jeglicher Red-Bull-Verwertungsstadien entwickeln konnten. Als Conforce synthetisiert der Friesländer seit Jahren maximalinvasiven Ambient Techno nach geometrischen Formen, der die Kühle eines Labors erzeugt, für diese Sterilität aber eher selten simplen Takten folgt. Viel mehr sind es durchdachte Experimente an den Schnittstellen von Breakbeats, Tiefseetechno und Weltraumambient, die Bunnik hier konsequent durchexerziert. Nach dem kriminell unterschätzten »Autonomous« von 2017, ist »Dawn Chorus« eine sorgsam austarierte Weiterentwicklung im Sounddesign des Produzenten, dem es mehr und mehr gelingt Klangfarben und Texturen komplementär ineinandergreifen zu lassen. »Void« macht das Kunststück direkt zu Beginn vor. Zwischen Vorahnung und physischer Erregung zieht der Tenor des Tracks seine scharf sequenzierten Bahnen, ein ausgehöhlt bauchiger Bass als Echolot in pechschwarzen Tiefen. Der atmosphärische Rebound von »Aphelion« will gar nicht ohne ein Augenzwinkern in Richtung Northern Electronics auskommen. Warum auch? Referenzen finden sich viele. So sind »iO« und »Solstice« klar vom britischen IDM inspiriert, kreuzen Breakbeats virtuos mit astral verklärten Flächen und einer Effektdichte erster Güte. Sowieso: Die Frage, wie hier etwas klingt, ist auf diesem Album alles. Das veranschaulicht der düster raunende Sumpftechno von »Marooned« ebenso, wie die gläsernen Wolkentempel, in denen »Axis Perpendicular« oder »Orbital Resonance« entstanden sein müssen. Selbst das Outro »Umbra« lässt in seiner berauschten Behäbigkeit von vorne bis hinten keinen Zweifel daran, dass der Straßenfotograf Bunnik als Conforce den Dreh ziemlich raus hat, jedenfalls wenn er uns in seiner Kristallkugel den Blick auf Techno von morgen gewährt.

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