Autechre

SIGN

Warp • 2020

Nach den fünf produktivsten Jahren ihrer bisherigen Laufbahn, in denen sage und schreibe 35 Live-Alben, der fünfteilige »elseq«-Zyklus und die generativen »NTS Sessions« mit acht Stunden Material erschienen, kehren Sean Booth und Rob Brown wieder zu den Arbeiten der frühen 2000er zurück – sowohl Stil als auch Umfang betreffend. Ein richtiger Schritt, der nach »Exai« spätestens aber seit den »Warp-Tapes 89-93« obligatorisch erschien und den ewig amorphen Klangkörper Autechre jetzt endlich mal wieder in ultraschlanker Form präsentiert. Alles an audiotechnischer Schwarte wurde weggeschnitten. Bekanntes fusioniert mit Neuem, die durchkalkulierte Kälte von »Confield« mit progelektronischen Pads vom Kaliber Daniel Lopatin, der sirrende Futurismus auf »Quaristice« mit der Druckgussproduktion der dritten NTS-Session. Weil das Duo aber schon 1995 eher nach 2025 klang und das Vordringen in die nächsten Levels elektronischer Musik bislang keine engagierteren Pioniere kennt, erscheint auch »SIGN« weniger als Zeichen seiner Zeit, sondern viel mehr als Rückblick von künftiger Warte. Also was ist das? Experimenteller Post-Ambient? Frisch gesintertes Dronedesign? Maschinelles Mindstreaming? Sekundär. Außerirdische Texturen quellen jedenfalls schon aus dem einleitenden »M4 Lema« wie sprudelnde Magnesiumlegierungen – alles ist fluide und nimmt doch ultrarobuste Formen an. Bis zum Schluss. »esc desc« oder auch »sch.mefd 2« und »r cazt« beweisen zwischenzeitig, dass Autechre selbst ohne irrsinnige Beatkonstruktionen noch genauso bahn- und stilbrechend zu operieren vermögen, wie sie das im letzten Jahrtausend allen vorgemacht haben. Auch wenn er immer wieder aus Verzweiflung rausgekramt wird, entledigte man sich ja damals schon kurzerhand des IDM-Tags, den die beiden tatsächlich nie goutierten. »SIGN« erlaubt eine Annäherung mit solchen Akronymen bestenfalls in den beiden dunkelgrauen Techno-Cuts »si00« und »psin AM« (Obacht: Boards Of Canada-Referenz!) oder dem glitchigen »au14«, doch insgesamt ist der Sound dieses Albums weder rhythmischen Prinzipien noch atmosphärischen Reinheitsgeboten verpflichtet – und so unmittelbar faszinierend wie Autechre trotz einer völlig singulären Diskografie vielleicht seit fast zwei Dekaden nicht mehr klangen. Da schließt sich der Kreis wieder.

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