Zwölf Zehner – April 2011

02.05.2011
Foto:HHV Handels GmbH
Willkommen im Mai. Doch vorher lassen Florian Aigner und Paul Okraj den Monat April musikalisch Revue passieren und destillieren in ihrer Kolumne Zwölf Zehner die wichtigsten zehn Tracks des Monats.
J.Rocc
Some Cold Rock Stuf
Stones Throw • 2011 • ab 37.99€
Zugegeben, das habe ich wirklich nicht kommen sehen. Dass J.Rocc ein eindrucksvoller DJ ist, das steht ausser Frage, aber dass er sich auch als Produzent behaupten und mit seinem Debütalbum für Stones Throw (nicht bestehende) Erwartungen übertrumpfen kann, das habe ich nicht für möglich gehalten. Über allem steht der finale Albumtrack The Truth, der die Kickdrum aussen vorlässt und mit schauervollen Strings eine cineaistisch-klaustrophobische Atmosphäre simuliert, dass sich einem die Nackenhaare sträuben. Bedrohlich, bedrückend, beänstigend, aber auch: beeindruckend.

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Mark E
Stone Breaker
Spectral Sound • 2011 • ab 14.39€
Es gibt heute kaum noch Produzenten, die mit soviel Sachverstand ihre Tracks aufbauen wie Mark E. Der Brite hat offensichtlich von den alten Wild Pitch-Großmeistern gelernt und deren Technik für den untertourigen House-Bereich perfektioniert. Umso erstaunlicher ist dann Belvide Beat, ein zickiger Brocken von einem Track, der ganz gezielt mit den Erwartungshaltungen bricht. Herr Evetts startet direkt mit viel zu lauten Androiden-Vocals und einem druckvollen Gitarrenloop, wie es RJD2 in seiner Since We Last Spoke-Phase gerne benutzt hat. Nach und nach steigert sich dies in ein Acid-Inferno, das zunächst durch leichtes Zischen angekündigt wird und sich schließlich zu einem Flächenbrand steigert. So viel Ekstase und berstende Dynamik hat man ohne Kick und Snare selten. Die lassen sich nämlich tatsächlich die gesamten siebeneinhalb Minuten vergeblich bitten – ein Umstand der die unfassbare Dynamik des Belvide Beat in atemloser Spannung kulminieren lässt.

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Lone
Echolocations
R&S • 2011 • ab 14.99€
Neulich, bei Kollege Okraj: Man hört einen neuen Joy Orbison-Track und fragt sich, warum es die Engländer scheinbar schon im Pennäleralter verstehen, so geschmackvoll mit allerlei Einflüssen umzugehen. Die halbgaren musiksoziologischen Erklärungsansätze der Kombo Aigner/Okraj sparen wir uns an dieser Stelle. Stattdessen nennen wir Lone als weiteres leuchtendes Beispiel für eine beeindruckende Verarbeitung britischer Basshistorie. Zu jung um Madchester, LFO und 808 State leibhaftig mitgekriegt zu haben, vermutlich sogar zu jung für die Garage-Zeit vor der Jahrtausendwende, bedient sich Lone scheinbar instinktiv richtig aus dem Fundus britischer Tanzmusik, pinselt grelle Neonfarben über trockene Chicago-ismen und scheint über all das nicht eine Sekunde nachdenken zu müssen. Oder warum ist dieser Doppelpack für R&S schon wieder so geil geworden?

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Marcellus Pittman
The Eastside Story EP
7th Sign • 2010 • ab 7.99€
Immer wieder, so etwas kommt meistens nur aus Detroit. Erhabenswerte Drumprogrammierung (über das ernstzunehmende Kriterium des Drumsequencing haben wir im letzen Monat schon zu genüge sinniert), dazu mehrere 303-Synths, die um die Wette laufen, gekonnt die Freuquenzen verschieben und druckvoll nach vorne treiben. Marcellus Pittman ist der Übeltäter, der mit einer beeindruckenden Maxi nach der anderen in den letzten Monaten für Furore sorgt und mit The Mad Underdog vorerst die Speerspitze erreicht.

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Mit Twitter, Tröten und Trompeten kam Prodigy Anfang März nach dreijähriger Haftstrafe wieder auf freien Fuß und bedankte sich gleich gemeinsam mit Partner Havoc und dem ersten aufgenommenen Song Love Y’all More bei den vielen Mobb Deep-Fans für Trost, Love und Support in schweren Zeiten. Vorbei ist die unsägliche Zeit im G-Unit-Konglomerat, die Batterien sind aufgeladen, andere Partnerschaften (die mit Alchemist, der einen schleppendsouligsuperben Beat beisteuert) reanimiert und die Zeit für einen neuen Klassiker scheint nunmehr gekommen. Love Y’all More ist ein neuer Anfang und zugleich ein verheißungsvoller Ausblick auf das, was da noch kommen könnte: »We have been all scratch, recharging the batteries, had to regroup, reboot the system, press reset, a fresh start right from where we started at, we only go forward we never go back.«

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Instra:mental
Resolution 653
Nonplus • 2011 • ab 24.99€
Die Abkehr von D&B-Tempi hat Instra:mental gut getan. Während man dem ein oder anderen Track auf Resolution 653 zwar vorwerfen kann, sich zu plakativ bei Cybotron, Drexciya et al. zu bedienen, zeigt Talkin’ Mono wie fruchtbar diese Neuorientierung sein kann. Instra:mental kombinieren hier den aufgeräumten Klang der 808 mit Synth- und Bass-Figuren, wie man sie sonst am ehesten noch bei Modeselektor oder Mr Oizo findet. Schön auch wie die schier endlose Arpeggio-Reihe immer wieder von nachdenklichen Detroit-Flächen durchsiebt wird, bevor wieder an der Rave-Schraube gedreht werden darf.

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Peaking Lights
936
Not Not Fun • 2011 • ab 16.99€
Ach, ist das schön. Aaron Coyes und Indra Dunis kommen aus Wisconsin, mögen Dub und Spaghetti Western, schreiben wunderbar verpeilte Popnummern und sind in all dem noch erfrischend unprätentiös. All The Sun That Shines lässt den Sequencer annähernd ohne Aussetzer durchrattern, die Bässe haben sich TÜV bei Lee Perry geholt, das Hauptarrrangement klingt nach Air zu besten Zeiten und die mantra-artigen Vocals machen es sich direkt im Langzeitgedächntis bequem. Gänsehaut in der Sonne.

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Dieser Maxmillion Dunbar muss ein wirklich sympathischer Kerl sein. Kaum ein anderer Produzent beeindruckt mit seinem persönlichen Housentwurf in einer derart luftgen, offenen und bescheidenen Art und Weise, die der ernsten Szene oftmals abgeht. Dabei braucht Max D für seine italienischen Rhytmen und balearischen Flächen gar kein Augenzwinkern – nein, der Mann, der meint das ernst und geht in diesem Sound durchaus auf. Polo brilliert in unkonventioneller Manier, bricht das Eis und verkündet den Sommer, nimmt die Freundin an der Hand und geht am Strand spazieren.

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Agoria
Heart Beating (Remixes)
Infine • 2011 • ab 8.99€
Die warmen Sounds zu Beginn von Heart Beating erinnern an Roberts’ 2010er Großwerk Glass Eights und und schüren eine gewisse Erwartungshaltung. Doch statt mit den (un)üblichen klein-klimpernden Ingredienzien den 4-To-The-Floor-Viervierteltakter einzuleiten, bricht John Roberts mit den Erwartungen, setzt auf Handclaps in Stakkatoform und gebrochene Percussion, die sich nur unschwer einordnen lässt. Das ist auch gut so, denn wir wollen schließlich nicht in Schubladen denken und erfreuen uns dann lieber am bejahenden elfigen Gesang und schummrigen Cello. Roberts did it again.

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Boddika
2727
Swamp 81 • 2011 • ab 15.99€
Instra:mental, die Zweite. Die eine Hälfte des Duos, namentlich Boddika, rotzt dieses Jahr jeden zweiten Tag einen knochentrockenen Banger raus, meist an der, in den letzten Jahren oft vernachlässigten, Nahtstelle zwischen House und (klassischem) Electro. Auf Soul What erweitert er sein Soundspektrum und bettet das wie gewohnt humorlos pumpende Drum-Gerüst zur Halbzeit auf einen weichen Picknickteppich, aus dem sich eine dieser Trance-Not-Trance-Flächen und ein plakatives Vocal-Sample schälen, wie man das in ähnlicher Form von Joy Orbison kennt und liebt, bevor wieder die Roland-Luzi abgeht. Der naivere Bruder von Sicko Cell.

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