Jahresrückblick 2021 – Top 50 Albums

01.12.2021
Lockdown-Limbo, dann Lockerungen – erst gar nichts, dann alles auf einmal. Dazwischen? Musik. Viele großartige Alben erschienen dieses Jahr. Das waren die 50 besten auf Schallplatte veröffentlichten Alben des Jahres 2021.

Dieses Jahr war ein halbes, das doppelt zählte. Kurzer Flashback: Das Jahr begann nüchtern und ernüchtert im Lockdown-Limbo, das Wetter passte sich dem an: Noch im Mai fiel Schnee, drehte uns von jenseits der Fensterscheiben eine lange Nase. Nur danach ging alles auf einen Schlag ganz schnell, füllten sich plötzlich die Bars und Restaurants wieder, begann dieses Ding namens Kulturleben dem zweiten Teil dieses Kompositums wieder gerecht zu werden. Ein Konzert nach dem nächsten, dort ein Open-Air-Rave, endlich keine Streams mehr. Und irgendwann waren selbst die Clubs wieder offen. Auch das aber ist wieder vorbei und die Perspektive ist düster. Über 100.000 Menschen sind an den Folgen einer Infektion mit diesem Virus gestorben, der anderswo in der Welt wesentlich effizienter in Schach gehalten wird, irgendwas wird also geschehen müssen, um noch mehr Opfer zu verhindern und das seit anderthalb Jahren schon lange jenseits der Belastungsgrenzen arbeitende Gesundheitssystem zu entlasten.

Es bleibt: Ja, die Musik. Sowieso. Immer. Alben wie die von Bendik Giske, Claire Rousay, Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra, Laila Sakini, Loraine James, Nala Sinephro und vielen anderen in der folgenden Liste mit den 50 Schallplatten, auf denen das Albumformat in diesem Jahr am erfolgreichsten gemeistert wurde, erkundeten Innenräume – ob nun dezidiert häusliche Settings, abstrakte Gefühlswelten, einen Hauch von Intimität in der Isolationshaft. Aber es gibt mit Blick über diese LPs auch diejenige Musik, die raus wollte. Angel Bat Dawid & Tha Brothahood, DJ Manny, Emeka Ogboh, Guedra Guedra, Haftbefehl, Joy Orbison, Lea Bertucci, Scotch Rolex – sie alle und noch mehr nahmen mit der Welt Kontakt auf, erkundeten sie musikalisch oder sperrten zumindest die Clubtür wieder sperrangelweit auf.

Das hilft, aber es reicht nicht. Denn nach zwölf Monaten bleibt noch etwas anderes über: Müdigkeit, bisweilen Wut. Müdigkeit angesichts dessen, was vielleicht die kommende Zeit erneut zu erwarten sein könnte, Müdigkeit darüber, nach einem getätigten Tanzschritt wieder zwei rückwärts springen zu müssen. Darüber, das Leben geschmeckt zu haben und es nun wieder ausspucken zu müssen. Hat hier noch jemand ein gutes Sauerteigrezept über? Hilft ja nichts. Und da wäre noch die Wut, ja. Die Wut über politische Entscheidungen oder ihr Ausbleiben, die Wut über all jene, die nach anderthalb Jahren den Ernst der Lage immer noch nicht begriffen haben, nein, pardon, seien wir ehrlich: sich weigern, ihn anzuerkennen. So lässt sich nur schwer nach vorne blicken, weshalb wir uns erst einmal umdrehen – hinter uns liegen zwölf Monate, in denen andere neue Perspektiven geschaffen haben, und seien es auch nur musikalische. Das ist doch was. Oder? Kristoffer Cornils

Aboutface
°S
Ad 93 • 2021 • ab 19.99€
Kommt in der Verpackung einer 12inch ist aber, das sei vorausgeschickt, ein Longplayer. In 46 Minuten überträgt Ben Kelly als AboutFace fraktale Muster aus der Natur in die Musik. Er benutzt dazu die sogenannte Fibonacci-Folge, eine unendliche Folge natürlicher Zahlen, mit der unzählige Wachstumsfolgen in der Natur beschrieben werden können. Auch der Goldene Schnitt ist damit mathematisch berechenbar. Schwer zu sagen, wie diese Überlegungen nun ganz genau in die Struktur der mit Field Recordings, Gedichten, Überlegungen zu psychologischen Folgen der Pandemie, Rhythmus und Melodie überfrachteten Sounds von »°s« eingeflossen sind. Die Schallplatte dokumentiert aber, dass Harmonie nichts mit Symmetrie gemein haben muss. RIYL Biosphere. Sebastian Hinz

Alina Kalancea
Impedance
Important • 2020 • ab 35.99€
Aus Italien kam in den letzten Monaten jede Menge spannender elektronische Musik von Musikerinnen, wobei diese nicht zwangsläufig Italienerinnen sind, wie die in Rumänien geborene <a href=”https://staging.hhv-mag.com/de/glossareintrag/6895/alina-kalancea.”>Alina Kalancea Sie erprobt ihre Frequenzen in einem offenen Feld, ohne habituelle Genehmigung durch Ambient- oder Drone-Konventionen einzuholen. Mit ihren Buchla-Modularsynthesizern baut sie Pulse, Rauschen, Flirren, Knirsch und Plongs in stoischen Rhythmen, die sich langsam weiterschrauben. Abenteuer, Neugier. Und Widerstand, der lohnt. Tim Caspar Boehme

Angel Bat Dawid & Tha Brothahood
Live
International Anthem • 2021 • ab 27.99€
Angel Bat Dawid ist ein Geschenk für diese Welt, die ihr gegenüber nicht immer fair auftritt. Aus einer solchen Situation heraus entstand auch »Live«, aufgenommen beim JazzFest Berlin im Jahr 2019. Dawid und ihre Band Tha Brothahood gingen mit jeder Wut über institutionellen Bullshit und institutionalisierten Rassismus auf die Bühne und ließen das über zwölf Stücken heraus. Das Album schließt mehr noch mit einem vernebelten Mitschnitt einer Panel-Diskussion, in deren Rahmen Dawid all das aussprach, wovon bereits jeder Groove ihrer Musik spricht. »Live« ist ein seltenes, weil wirklich wichtiges Album. Kristoffer Cornils

Annea Lockwood
Becoming Air / Into The Vanishing Point
Black Truffle • 2021 • ab 24.99€
Zuletzt haben Clipping. das Werk von Annea Lockwood für sich entdeckt und das allein sagt wohl schon genug, lange aber noch nicht alles über den nachhaltigen Appeal der seit über einem halben Jahrhundert aktiven Klangkünstlerin aus. »Becoming Air/Into the Vanishing Point« versammelt zwei Kollaborationsarbeiten, die doch von Lockwoods einzigartiger, eigenwilliger Vision geprägt sind: zarte Improvisationen und harsche Drones hier, dräuender Kammermusikversatzstücke und ominöse Field Recordings dort. Überwältigend, egal in welcher Lautstärke. Kristoffer Cornils

Beatriz Ferreyra / Natasha Barrett
Souvenirs Cachés / Innermost
Persistence Of Sound • 2021 • ab 24.99€
Die argentinische Komponistin Beatriz Ferreyra arbeitete Anfang der 1960er zusammen mit Pierre Schaeffer an der Erforschung elektroakustischer Musik. Neben einer aktuellen Komposition ist auf diesem Split-Album ein tanzbares elektroakustisches Stück aus dem Jahr 2003 zu hören. Natasha Barrett komponiert seit den 1990er Jahren akusmatische und elektroakustische Musik für Konzert, Installationen und Klangkunst. Ihr Beitrag arbeitet mit Field Recordings eines öffentlichen Outdoor-Events in Norwegen. Andreas Brüning

Bendik Giske
Cracks
Smalltown Supersound • 2021 • ab 23.99€
Oh Saxophon, du Hassliebe im Instrumentarium der Popmusik, da bist du ja wieder. Wenn auch in unerhörter Form, getriezt und als Soundquelle benutzt wie sonst nur von Colin Stetson. Nur diesmal vom Norweger Bendik Giske, der die Beschaffenheit der elektronischen Musik auf dich, du 1840 erfundenes Einfachrohrblattinstrument, überträgt. Ist er so eine Art Brandt Brauer Frick für konische Schallrohre? Ist er ein Wiedergänger von Arve Henriksen, gar von Jon Hassell? Auf »Cracks« ist er 34 Minuten das alles. Sebastian Hinz

Bobby Would
World Wide World
Low Company • 2021 • ab 21.99€
»World Wide World« kommt musikgeschichtlich gesprochen gut anderthalb Jahrzehnte zu spät. Damals, als Woods noch cool waren und diedon VICE jede Woche einen Artikel mit dem Wort Shitgaze im Titel veröffentlichte, hätte Bobby Would mit seinem Psych-Folk-Lo-Fi-Dengel-Wave-Pop-Rock vermutlich eine Best New Music und einen Vertrag bei Sacred Bones abräumen können. Aber Would – irgendjemand aus der Berliner Intellektuello-Punkszene, Mitglied bei Diät, vermutlich ist das alles aber auch egal – hat sich Zeit und dieses Album damit für sich stehen lassen. Als ein Alleingängeralbum, das weder Ambitionen noch Allüren kennt und genau deswegen aber tief reinging: Wie ungemein beruhigend es doch ist, dass sich endlich mal jemand wenig Mühe und seinem Publikum damit sehr viel geben kann. Kristoffer Cornils

Bremer / McCoy
Natten Black Vinyl Edition
Luaka Bop • 2021 • ab 23.99€
Am schönsten ist es doch immer noch, wenn die Rezeptionsekstase, die man beim ersten Mal empfindet, sich als konstant erweist. So geschehen hier: Wo ich bei der Original-Review konstatierte, dass die »evozierten Gefühle groß, manchmal sogar überwältigend« seien, lässt sich wenig hinzufügen. Kontinuierlich hat sich dieses virtuose Duett aus Piano/Wurlitzer/Tape Delay und Kontrabass in meine Playlist und mein (Achtung Kitsch-Alarm!) Herz gespielt. Impressionistischer Jazz-Dub-Sounds – gerne wieder! Lars Fleischmann

Claire Rousay
A Softer Focus
American Dreams • 2021 • ab 22.99€
Claire Rousay ist die Überfliegerin, die aller nach Logik keine sein dürfte, weil so vieles an ihren Klangcollagen komplett bizarr und irrational ist. Was nur eben auch heißt, dass sich kaum etwas folgerichtiger in eine auf dem Kopf stehende Welt einpasste wie die Schwemme von Claire Rousay auf eben jene losgelassene Releases – neun Alben allein 2020, okaaay. »A Softer Focus« riecht streckenweise stark nach 12k-Ambient, wird aber immer wieder durch komplett sonderbare Sounds und Twists auf neuen Kurs gebracht. Mehr nach außen gekehrte Innenwelt war 2021 kaum zu haben. Kristoffer Cornils

Cleo Sol
Mother
Forever Living Originals • 2021 • ab 48.99€
Cleo Sol wurde im vergangenen Jahr zum ersten Mal Mutter und hat diese besonders einprägsame Lebenserfahrung nicht für eine musikalische Pause, sondern – ganz im Gegenteil – für die Arbeit an Soloalbum Nummer zwei genutzt. Der Albumtitel »Mother«, man ahnt es, gibt das Leitmotiv der Platte dann vor. Inspiriert vom neuen Erdenbürger besingt die schönste Stimme des britischen Souls auf 12 Songs ihre emotionalen Erfahrungen als Mutter. Ehemann und Kollege Inflo sorgte für die dezent jazzige Produktion, die noch zurückhaltender und beseelter ausfiel als auf ihrem Debüt. Benjamin Mächler

Conny Frischauf
Die Drift
Bureau B • 2021 • ab 23.99€
Conny Frischauf schreibt Lieder für Menschen, die sich nach dem dritten Lockdown noch spüren. Oder wieder spüren wollen. Zehn Tracks bimmeln über Pop-Pisten, kreiseln in Sprachschleifen und bohren dem Gschisti-Gschasti des Mainstreams den Corona-Test in die Nase. »Die Drift«, die Debütplatte auf Bureau B, darf einfach sein, ohne fürs TikTok-Portfolio performen zu müssen – ganz so, als würde man Bauklötze stapeln, Sand futtern oder der Corinna aus der Regenbogengruppe eine Murmelbahn bauen. Christoph Benkeser

Dean Blunt
Black Metal 2
Rough Trade • 2021 • ab 25.99€
Dean Blunt lässt Musikschreiber immer einen Haufen Auskennerbands als Referenzen herumwerfen, was sich bei »Black Metal 2« quasi von alleine aufgedrängt hat, so viel Chamber Pop, Trip-Hop und Songwriter-Indie, wie der Londoner auf dem Nachfolger seines Klassikeralbums von 2014 da zusammengezupft und mit schläfrigem Spoken-Word-Flow über zum Beispiel Trickbetrüger kontrastiert hat. Sehr postmodern, sehr rätselhaft, sehr großartig. Vielleicht war es aber auch alles nur ein Witz? Wen kümmert’s. Fionn Birr

DJ Manny
Signals In My Head
Planet Mu • 2021 • ab 28.99€
Hätte auch wirklich niemand mit gerechnet, aber da war es: das Footwork-Revival von 2021. Ob allerdings Jana Rush, RP Boo oder eben DJ Manny: Die alte Garde setzte auf neue und aufregende Sounds. Auf »Signals in my Head« waren das vor allem R’n’B- und sogar D’n’B-Einschläge, die über polternde 808-Kicks gelegt wurden. Hätte ebenfalls niemand mit gerechnet: Dass das krasseste Footwork-Release eines Footwork-Revival-Jahres dermaßen eingängig ausfallen würde. DJ Manny ist und bleibt ein Champ und nächstes Jahr kommt bestimmt wieder was von Jlin. Kristoffer Cornils

Don Zilla
Ekizikiza Mubwengula
Hakuna Kulala • 2021 • ab 23.99€
Für seine scharfkantige und äußerst rhythmische Musik mischt Don Zilla aus Uganda Jungle-Beats, unheimliche Industrial Sounds, Alien-Trap und Doom-Step mit traditionellen ostafrikanischen Rhythmen zu einer speziellen komplex unfreundlichen Musik. Der Studiobetreiber aus Kampala mag mit seinen nervösen und übersteuerten Klängen an Acts wie dBridge, Emptyset oder Dreamcrusher erinnern, spielt mit »Ekizikiza Mubwengula« aber in seiner ganz eigenen Liga experimenteller Clubmusik. Andreas Brüning

Dry Cleaning
New Long Leg Black Vinyl Edition
4AD • 2021 • ab 25.99€
Die Post-Punk-Platte dieses Jahres: Dry Cleaning aus London beleben mit ihrem Debüt »New Long Leg« den seit Anfangstagen halbtoten Art-Rock. Die zehn Songs zeichnen sich durch einen stabilen Groove und den Sprechgesang inklusive verwirrender Lyrics von Sängerin Florence Shaw aus. Mit jedem Durchlauf brennen sich daneben die Gitarren ein. Als hätten Sonic Youth sich mal entschlossen eine Cover-Platte mit Songs von Joy Division zu machen. Großartig für lange Nächte, in denen sich der Geist zerstreut. Björn Bischoff

Eli Keszler
Icons Black Vinyl Edition
LuckyMe • 2021 • ab 29.44€
Der Drummer, der wie eine esoterische Klangreise klingt, hat wieder eine Platte veröffentlicht. Eli Keszler lässt mit »Icons« nicht nur den Zimmerbrunnen plätschern, sondern versprüht den passenden Vibe. Italienische, Mandarine, schwarzer Pfeffer, ein bisschen Jasmin und im Abgang Zypresse. So riecht die Toskana. Und das bei LuckyMe erschienene Album, sofern man jenes Kerzlein entzündet, das Keszler dafür gezogen hat. Kein Spaß, das kommt in der Kombi mit Platte immer noch billiger als jedes Wellnesswochenende bei Lidl. Christoph Benkeser

Emeka Ogboh
Beyond The Yellow Haze
A-Ton • 2021 • ab 18.99€
»Beyond the Yellow Haze« war eigentlich bereits drei Jahre alt, als es im Frühjahr über den Ostgut-Ton-Ableger A-Ton neuveröffentlicht wurde, aber trotzdem ein Segen. Der Intuitivkonzeptkünstler Emeka Ogboh ließ Field Recordings aus Lagos auf eine Interpretation Berliner Clubmusik clashen, die sich das Post-Pandemie-Rave-Business unbedingt zu Herzen nehmen sollte. Hitzefiebrig, bisweilen unheimlich und voll verschlungener Grooves, die zwischen white cube und Darkroom vermitteln. Kristoffer Cornils

Floating Points, Pharoah Sanders & The London Symphony Orchestra
Promises Black Vinyl Edition
Luaka Bop • 2021 • ab 24.99€
Das drittbeste an der Platte von Floating Points ist, dass sie nicht wie eine Floating Points-Platte klingt. Das zweitbeste an der neuen Floating Points-Platte ist, dass sie nicht wie eine Platte des London Symphony Orchestra klingt. Das beste an der neuen Floating Points Platte ist, dass sie durchgehend wie eine klassische Pharoah Sanders Platte klingt. Zurückhaltend und balladesk, komplett ohne Muckerallüren und stellenweise das, was ein Jazzonkel wohl mesmerizing nennen würde. Und um im Ranking-Wahnsinn zu bleiben: zweitbestes Pharoah Sanders-Erlebnis in diesem Millenium, nach dessen Konzert bei LeGuessWho 2018. Florian Aigner

Guedra Guedra
Vexillology
On The Corner • 2021 • ab 22.99€
Abdellah M Hassak streift sich gerne Masken über. Auf Bühnen in Casablanca. Im Boiler Room. Und für sein Album »Vexillology«, das bei On The Corner Records erschienen ist. Als Guedra Guedra bearbeitet der Marokkaner Kalimbas der Vergangenheit und beamt sie in the spirit von DJ Khalab mit einer afrofuturistischen Rhythmmachine ins Jahr 2021. Das geht dermaßen rein, dass man die Birkenstöcke sofort gegen stylische Berber-Sandalen tauschen will. Footwork für die Footworker*innen! Christoph Benkeser

Haftbefehl
Das Schwarze Album White & Black Marbled Vinyl Edition
Urban • 2021 • ab 23.99€
Kunst, genau das ist »Das Schwarze Album« von <a href=”https://staging.hhv-mag.com/de/glossareintrag/193/haftbefehl.”>Haftbefehl Denn natürlich lässt sich sein sechstes eigenes Werk nicht nur als die beste deutschsprachige Rap-Platte seit langer Zeit betrachten. Lyrik, Gegenwart, Depression, Zeitgeist. Alles drin. Dazu durchweg bombastische Beats. Da fand sogar der Deutschlandfunk Kultur höchste Töne in seiner Kritik. Es ist Haftbefehls großer Kniff, dass er sich dafür nicht verändern musste. Oder wie er es selbst hier sagt: »Du weißt, dass es Haft ist.« Björn Bischoff

Jac Berrocal, David Fenech, Vincent Epplay
Exterior Lux
Akuphone • 2021 • ab 19.99€
Unser Chef-Kolumnist hat’s ja schon bestmöglich zugespitzt: Die Berrocal’sche Tröte gehöre für ihn zu den drei schönsten Tönen der Welt. »Exterior Lux« hat mehr Blei und Ketten am Jazz hängen als alle anderen Berrocal-Fenech-Kollabos bis dato, das Resultat ist sehr sehr lynchian, rückwärtssprechende Zwerge und Wahnsinnige in Cowboy-Stiefeln tauchen hierzu logischerweise auf. Ich habe deren Auftauchen sehr begrüßt in meinem Wohnzimmer, in diesen Zeiten. Pippo Kuhzart

Japanese Breakfast
Jubilee Black Vinyl Edition
Dead Oceans • 2021 • ab 21.99€
All lieben Michelle Zauner und Michelle Zauner liebt alle zurück. »Jubilee« von ihrer Band Japanese Breakfast ist ein stinknormales Indie-Rock-Album mit Synth- und Funk-Einschlägen, das sich songwriterische Merkwürdigkeiten erlaubt und vor allem auf der Gefühlsebene funktioniert: Das sind Lyrics, in denen es sich leben lässt; Songs wie eine warme Bettdecke nach einem kalten Tag im Freien. Wir sind uns also sicher: Zauner hat »Be Sweet«, der größte merkwürdige Synth-Pop-Funk-Hit mit dem komischsten Rock-Refrain des Jahres, nur geschrieben, damit in bitteren Zeiten alle das darin Beschriebene erleben dürfen. Nett von ihr. Kristoffer Cornils

Jaubi
Nafs At Peace
Astigmatic • 2021 • ab 9.99€
»Nafs At Peace« von der pakistanischen Vierer-Kombo Jaubi slidet aus der Wüste in die Jahresbestenliste. Mit Anlauf. Und einem Sound, bei dem man glauben möchte, J Dilla sei als Kind in den Fusion-Topf gefallen, um zeit seines Lebens eine Gabe für die musikalischen Feinheiten Nordindiens aus seinen Handgelenken geschüttelt zu haben. Das bei Astigmatic erschienene Album von Jaubi kann man deshalb problemlos den Schwiegereltern zur Weihnachtsgans vorspielen – sie werden es lieben. Inshallah! Christoph Benkeser

Bug, The
Fire HHV Exclusive Transparent Red & Yellow Vinyl Edition
Ninja Tune • 2021 • ab 32.99€
“Joy Orbison”:840067 scheint dem Albumformat immer noch zu misstrauen und nennt sein de facto Debütalbum deswegen einfach Mixtape. »Still Slipping Vol.1« folgt diesem semantischen Trick durch stilistische Diversität, wobei Joy Orbison sich hier die ärgsten Basslawinen verkneift und durchaus poppig housy wird, geerdet durch trickreiche Beat-Interludes, diverse Vocalschnippsel seiner Familie und Rap- und Vocal-Features. Er selbst nennt das dann Soul im weitesten Sinne, man könnte es aber auch einfach als logische Weiterentwicklung seiner »Slipping«-EP aus dem letzten Jahr begreifen. Florian Aigner

Karkhana
Al Azraqayn
Karl • 2021 • ab 26.99€
Treffen sich die besten Musiker Ägyptens, Libyens und der Türkei zum Jam. Klingt wie der Anfang eines schlechten Musikerwitzes, ist aber die gelungene Pointe von »Al Azraqayn«, dem bei Karlrecords erschienen neuen Album von Karkhana. Mit dabei sind Musiker von The Dwarfs Of East Agouza, Land Of Kush, Praed! Orchestra, Konstrukt, Scrambled Eggs. Und als »Special Guest« Michael Zerrang, der legendäre Schlagzeuger, der mit Peter Brötzmann, Ken Vandermark und Hamid Drake gejazzt hat. Streck die Waffen! Streich die Segel! Das wird dich umpusten. Sebastian Hinz

Kuunatic
Gate Of Kluna
Glitterbeat • 2021 • ab 21.99€
Im japanischen Noise Rock tut sich was. Wieder ist es ein weibliches Trio (ferne Erinnerungen an Nisennenmondai werden wach), wobei Kuunatic ihren psychedelischen No-Wave-Entwurf mit Folklore, Dub und weiteren Elementen aus aller Welt anreichern, um ihrem Sprech- oder auch „richtigen“ Gesang die nötige Wummsbasis zu geben. Das kann knackig mit Durchschlagskraft oder sanfter geschehen, immer gern mit ritualartigen Beschwörungsformeln. Herausgekommen ist eine der stärksten Rockplatten des Jahres. Tim Caspar Boehme

Laila Sakini
Into The Traffic, Under The Moonlight Clear Vinyl Edition
Laila Sakini • 2021 • ab 23.99€
Was man mit einer klassischen Klavierausbildung machen kann: Bei den Philharmonikern versumpern, Twitterstar werden – oder sich ein paar Hacks auf Ableton reinziehen, Bläserbubis verpflichten und eine Platte aufnehmen, die klingt, als hätte Sakamoto flüssiges Ecstasy ins Porridge gekippt. Laila Sakini ist die Schnittmenge zwischen Grouper und einer als Saxophon getarnten Digeridoo-Tröte. »Into The Traffic, Under The Moonlight« das Teil für Knister-Stimmung auf der Ikea-Couch. Christoph Benkeser

Lana Del Rey
Chemtrails Over The Country Club Transparent Cobalt Blue Black Friday Record Store Day 2021 Edition
Universal • 2021 • ab 36.99€
Die nostalgie-besoffenen Geister der amerikanischen Vergangenheit spuken weiterhin durch die Musik von <a href=”https://staging.hhv-mag.com/de/glossareintrag/1688/lana-del-rey:”>Lana del Rey Mit ihrem siebten Album »Chemtrails Over The Country Club« macht die amerikanische Künstlerin alles wie bisher. Nur konsequenter. Ihr Indie-Pop wickelt hier ein paar mehr Noten um den Finger, ihre Stimme säuselt mehr, alles klingt in Zeitlupe. Mögen die Geister noch lange in diesem vertonten American Diner tanzen, solange das Gestern noch anhält. Björn Bischoff

Lea Bertucci
A Visible Length Of Light
Cibachrome Editions • 2021 • ab 26.99€
Alle Reisen gecancelt, da muss Musik als Trip-Ersatz dienen. Lea Bertucci hat zuvor mit Langkompositionen Zeit und Raum vermessen oder im Dialog mit Amirtha Kidambi kratzigen Konfrontations-Improv gemacht, ist »A Visible Length of Light« aber quer durch die Amerikas gereist, hat die gesammelten Sounds zwischen Flöten-Minimal gestellt und schillernde Drones zu einem musikalischen Reisetagebuch verflochten. Als jeder Tag derselbe wie der vorige war, blieb sich dieses Album niemals gleich. Danke dafür. Kristoffer Cornils

Little Simz
Sometimes I Might Be Introvert Transculent Red & Yellow Vinyl Edition
Age 101 • 2021 • ab 29.99€
Wie viel Privatperson steckt in der Kunstfigur? Dieser Frage nähern sich Simbiatu Ajikawo und ihr Alter-Ego Little Simz auf »Sometimes I Might Be Introvert«: »Can’t believe it’s Simbi here that’s had you listening/Well, fuck that bitch for now, you didn’t know she had a twin.« Die Britin erzählt schmerzhaft ehrliche Geschichten über Angst, Freude und Wut. Musikalisch legt sie sich dabei nicht fest. Orchestraler Pomp trifft auf trockene Bass-Drum-Kombinationen. Nach dem für den Mercury Prize nominierten Vorgänger »Grey Area« ein weiterer Qualitätssprung in Little Simz’ Schaffen. Stefan Mertlik

Loraine James
Reflection
Hyperdub • 2021 • ab 21.99€
Zwar nicht mehr so dark as fuck wie auf ihrem Debütalbum, doch hat die Londoner Produzentin Loraine James auch für **»Reflection «, ihr Album aus dem Lockdown-Jahr, jede Menge Hochspannung angesammelt, die sich in ihren Beats entlädt. Genres wie Grime dienen ihr als Material, das sie nach eigenen Vorstellungen gestaltet. Tiefe Bässe, hochgepitchte Stimmen, hypernervöse Breaks – alles bekannt und trotzdem sehr anders bei ihr. Es gibt eine Zukunft, sagt die Musik, und vielleicht werden wir sogar tanzen. Tim Caspar Boehme

Lucy Railton
5 S-Bahn Blue Vinyl Edition
Boomkat Editions • 2021 • ab 24.99€
April 2020, Berlin-Prenzlauer Berg: Lucy Railton macht’s wie die meisten anderen und verlässt die Wohnung nur für das Nötigste. Immerhin aber hat sie einen Balkon und immerhin pendeln selbst im rasenden Stillstand noch mögliche Jam-Partnerinnen darunter hin und her: »5 S-Bahn«, um genau zu sein. Field Recordings, ein Cello und das merkwürdige Gefühl, dass die Welt sich noch dreht, während die Zimmerdecke sich mit jedem Tag weiter zu senken scheint – das alles steckt in diesem Album. Und damit auch sehr viel Trost. Schön, dass das bisher nur auf Tape erhältliche Release nun auch auf Vinyl vorliegt. Kristoffer Cornils

Marta Forsberg
Tkac
Thanatosis Produktion • 2021 • ab 25.99€
Marta Forsberg hat bereits im Vorjahr ihr (bisher) größtes Werk abgeliefert, »TKAĆ« knüpft aber nahtlos an »New Love Music« an: Wie ihr Opus Magnum handelt es sich bei beiden Stücken um Musik, die ursprünglich für Lichtinstallationen geschrieben wurden und von demselben sonderbaren Gefühl der Schwerelosigkeit durchdrungen sind. Ähnlich wie bei ihren Kolleg:innen der Stockholm Drone Gang, sprich Kali Malone und Co., steckt etwas Sakrales in Forsbergs Musik, die allerdings nicht nach Weihrauch und Kirchenschiffbohnermittel riecht – sondern so schön und leicht ist wie die letzten Sonnenstrahlen eines Sommertages. Kristoffer Cornils

Maxine Funke
Seance
A Colourful Storm • 2021 • ab 19.99€
Hach, A Colourful Storm, das Label des Australiers Moopie liefert regelmäßig die beste Gitarrenmusik für Menschen, die Gitarrenmusik kaum ertragen können. Highlight dieses Jahr »Séance« von Maxine Funke. Das klassischste Folk-Album in dieser Liste und schon deshalb unabdingbar. Funke benutzt alles spärlich – Stimme, Gitarre – , diese Zurückgenommenheit drückt, die Bewegungslosigkeit der Stücke ist genauso gemütlich wie sie beklemmend ist, alles zieht sich zu einem Ort zusammen. Den richtigen muss man haben. Pippo Kuhzart

Mdou Moctar
Afrique Victime Black Vinyl Edition
Matador • 2021 • ab 25.99€
Mit ihrem Album »Afrique Victime« gelingt der Band aus Niger um den Ausnahmegitarristen Mdou Moctar etwas Erstaunliches: Westafrikanische Musiktraditionen rund um den Tuareg-Folk verschmelzen so souverän, konsequent und organisch mit ziemlich allen Spielarten des Rock, dass man dafür wohl das Genre »global AfRock« (oder so ähnlich) coinen sollte. Und ganz nebenbei wird der Autodidakt Moctar mit seiner eigenwilligen Ein-Finger-Anschlagstechnik ziemlich sicher zum neuen Gitarrengott aufsteigen: Hendrix – Van Halen – Moctar! Martin Silbermann

Merope
Salos
Stroom • 2021 • ab 22.99€
Volkslieder von anno dunnemal neu einzukleiden ist eine beliebte, aber eben auch brenzlige Arbeitsaufgabe. Merope griffen für ihr viertes Album »Salos« ganz tief in die Mottenkisten litauischer Volksweisen und zogen Ideen daraus hervor, die weniger New Age denn New World waren: Ineinander fließende Kompositionen, die Balsam auf die von dumpfnationalistischer Rhetorik wundgeriebenen Hirnwindungen rieb und es nebenbei noch irgendwie schafften, balearische Anmutungen mit jazzigem Esprit, Choralstücken und Ambient zu versöhnen. Eine Wohltat, ein bescheidener großer Wurf, ein einziger Flow von Schönheiten. Kristoffer Cornils

Motoko & Myers
Colocate
Soda Gong • 2021 • ab 19.99€
Mit Motoko und Myers hangelt man sich von Liane zu Liane, schlürft Bananenmilch und trommelt sich auf die Brust. »Colocate« ist Donky-Kong-Musik. Ein Wink aus dem digitalen Dschungel – für Menschen, die sich das Ayahuasca-Retreat mit Schamanen-Schlamassel nicht leisten können. Oder keinen Bock haben, dass ihnen ein Quacksalber zwei getrocknete Ingwerwurzeln ins Gesicht hängt, bevor man in den Eimer reiert. Dann lieber selbst therapieren. Und mit Soda Gong bei einem Label einkaufen, das seinen Namen alle Ehre macht. Christoph Benkeser

Nala Sinephro
Space 1.8
Warp • 2021 • ab 25.99€
Der Titel „Jazzalbum des Jahres“ dürfte 2021 einigermaßen umkämpft sein. Nala Sinephro hat ihn mit ihrem Debütalbum verdient. Nicht allein, weil sie der Harfe einen so ungewohnten wie zurückhaltenden Auftritt verschafft, sondern auch, weil sie undogmatisch Jazztradition, Elektronisches und Drone-Meditation sowohl nebeneinander existieren lässt als auch zusammenführt. Kein angestrengtes oder pompöses Statement, erst recht keine unverbindliche Fluffigkeit, einfach stiller Mut zu den eigenen Ideen. Tim Caspar Boehme

Natural Information Society with Evan Parker
Descension (Out of Our Constrictions)
Aguirre • 2021 • ab 30.99€
Wie gesund ist eigentlich Zirkularatmung? Egal, Evan Parker hält damit am Saxofon schon eine Weile durch. Seine kreisend-schwirrenden Figuren passen bestens zum minimalistisch folkloristischen Jazz der Natural Information Society des Bassisten Joshua Abrams, der im Übrigen mit der Gimbri ein eher jazzuntypisches Instrument spielt. Mit seiner Band rockt er auf “Descension” sogar, mit seinen Mitteln. Und das mit einer Sogwirkung, der man, so viel Esoterik sei gestattet, transformationelle Kraft zutrauen mag. Tim Caspar Boehme

Pauline Anna Strom
Angel Tears In Sunlight Black Vinyl Edition
Rvng Intl. • 2021 • ab 23.99€
Pauline Anna Strom verstarb im Dezember letzten Jahres mit 74 Jahren. Die Veröffentlichung ihres erstes Album seit 30 fucking Jahren erlebte die Pionierin folglich leider nicht mehr mit. Sicher weitet das Wissen um Leben und Tod Stroms die Erfahrung noch weiter, die man beim Hören ihres »Angel Tears In Sunlight« hat, ganz sicher ist es aber auch ohne Mystiefizierung der Person eines großes Ambient/Tribal-Album, einfach weil so selten Flächen so spannungsstark komponiert werden wie hier, einfach, weil man hier gleichzeitig an verglühende Sterne und »Donkey Kong Country« denken darf und sollte. Pippo Kuhzart

Richard Youngs
CXXI
Black Truffle • 2021 • ab 21.99€
Für sein 121. Album »CXXI« hat Richard Youngs 121 Moll-Akkorde vom Algorithmus durcheinanderwürfeln lassen, den trockensten Schlagzeugbesen aller Zeiten entstaubt und dann über das Ganze noch einen wortlosen Todes-Blues gesungen. Klingt auf dem Papier natürlich unerträglich und auf Platte selbstverständlich auch, nur eben auf diese geile Art. Spätestens nach drei Takten stellt sich die Gewissheit ein, hier etwas beizuwohnen, dass es zuvor noch nie gegeben hat. So muss Bar-Jazz in der Hölle klingen. Extrem geil eben. Kristoffer Cornils

Rosaceae
DNA
Pudel Produkte • 2021 • ab 17.99€
Auf DNA verschmilzt Leyla Yenirce, so Rosaceaes bürgerlicher Name, politische Inhalte mit mal experimenteller, mal erstaunlich geradliniger Musik. Der Clou an der ganzen Sache: Das Album funktioniert als abwechslungsreiche wie stringente Hörerfahrung, was die Hamburgerin in ihrem Metier zu einer Ausnahmeerscheinung macht. Zwischen schnellen Baller-Kaskaden wie auf „They are so afraid they begin to shake” und dem fesselndem Ambient von „I’ll be back soon” passiert eine ganze Menge, und das klingt trotz großem Referenzrahmen auch noch gut. Maximilian Fritz

Sarah Davachi
Antiphonals Black Vinyl Edition
Late Music • 2021 • ab 25.99€
Sarah Davachis Album **»Antiphonals« fühlt sich so zurückgenommen, so minimalistisch und trotzdem so fließend an – wie ein sakraler Rausch aus purem Sound. Also keineswegs Kammermusik, sondern eine beeindruckende Erfahrung über acht Tracks. Das Schöne daran? Die Stücke mit verschiedensten Synthesizern, Orgeln, Klavieren und Aufnahmegeräten überfordern nie. Und somit ist das hier das vielleicht angenehmste und hörbarste Album der experimentellen Musik in diesem Jahr. Björn Bischoff

Scotch Rolex
Tewari
Nyege Nyege Tapes • 2021 • ab 23.99€
Außen candyfarben, innen Blut schwitzend. Schon lange nicht mehr so gehörig eins auf die Fresse bekommen. Scotch Rolex pudert mit »Tewari« die Covid-Lethargie per Backstein gespicktem Klammerbeutel aus den Gesichtern. Gqom trifft Dubstep trifft Grindcore trifft Industrial trifft Trap trifft die illustren Seelenverwandten der ugandischen Labels Nyege Nyege Tapes und Hakuna Kalala, die hier alle Wut und jeden gerechtfertigten Frust rauslassen. Pedantisch sequenzierte Radikalität und Gewalt auf Zuckerstangenvinyl. Jens Pacholsky

Space Afrika
Honest Labour Black Vinyl Edition
Dais • 2021 • ab 23.99€
Als du nachts an einer muffigen Plexiglashaltestelle auf den letzten Bus wartest und die Kotzpfütze vor deinen Augen unvermittelt Fraktale wirft, stemmt »Honest Labour« das Stimmungsbarometer im Verlauf einer düsteren Sequenz meterdick texturierter Tracks immer und immer weiter auf. Es sind Samplecollagen auf Leinwandgröße, über die Impressionen zwischen Ambient und Spoken Word flimmern, tonale Kausalitätsketten unterm Regenschirm. Space Afrika zeigen 2021, wie elektronische Musik mit dem richtigen Narrativ ganze Kinofilme in den Schatten zu stellen vermag.. Nils Schlechtriemen

Teresa Winter
Motto Of The Wheel Blue Vinyl Edition
The Death Of Rave • 2021 • ab 16.49€
Beim Blick durch ein Kaleidoskop siehst du ein Muster und wenn du das Kaleidoskop drehst, dann verändert sich das Muster. Wenn du das Kaleidoskop schüttelst, erhältst du ein neues Muster. Die meisten Musiker:innen verändern die Muster langsam. Wenn sie ambitioniert, waghalsig, neugierig sind, dann Schütteln sie zwischen den Tracks. Teresa Winter ist aber irre. Sie schüttelt während des Tracks. Nicht danach. Du bekommst dann schon mal 3 unterschiedliche Muster in zweieinhalb Minuten. »Motto Of The Wheel«: Dreister Drum’n’Bass, Rummeltechno, Music for stillgelegte Airports, Androidengespräche, Humanoidengespräche, Atem-Yoga, Rave ohne Katharsis, Hyperintelligent Dance Music. Neue Muster, ständig in Bewegung. Sebastian Hinz

TIBSLC
Delusive Tongue Shifts - Situation Based Compositions
Sferic • 2021 • ab 26.99€
Die gemeinsam mit Experiences LTD vielleicht gefeiertste Semi-Ambient-Posse kommt aus Manchester. Sferic schieben mit Tibslcs »Delusive Tongue Shifts – Situation Based Compositions« nach Sensationsplatten von u.a. Space Afrika, Jake Muir und Romeo Poirier vielleicht ihre bisher egalste Platte hinterher, aber alleine diese neue 10″ von Space Afrika garantiert weitere zwei Jahre Unantastbarkeit. Florian Aigner

Tirzah
Colourgrade Black Vinyl Edition
Domino • 2021 • ab 22.99€
Nach ihrem vielbeachteten Debüt »Devotion« hat Tirzah zwei Kinder bekommen – und das auf »Colourgrade« als zukunftsweisenden Akt reflektiert. Der plastikfreie RnB wurde hierfür mit Sci-Fi-Vorstellungskraft, Schalk im Nacken und etwas Waghalsig-Zärtlichem wie Mutterliebe unterlegt. So klingt das eingepfiffene Fake-Theremin genauso selbstverständlich wie die Hip-Hop-Beats und bräsige Zerr-Gitarrenriffs so selbstironisch wie biomechanische Textversatzstücke. »Colourgrade« ist damit praktisch das Utopia des Vorgängers und die Hürde des zweiten Albums lässig überschwirrt. Jana-Maria Mayer

Tomaga
Intimate Immensity Black Vinyl Edition
Hands In The Dark • 2021 • ab 21.99€
Tom Relleen ist nicht die einzige Person in diesen Jahreslisten, die von uns gegangen ist, aber auch nicht die bekannteste. <a href=”https://staging.hhv-mag.com/de/glossareintrag/4905/tomaga,”>Tomaga sein Projekt mit der Drummerin Valentina Magaletti, blieb einem kleinen Kreis vorbehalten und fühlte sich dort allerdings auch am wohlsten. »Intimate Immensity« ist nun also das schätzungsweise letzte Tomaga-Album, fertiggestellt und veröffentlicht nach seinem Tod im August letzten Jahres. Es könnte keinen schöneren Abschied geben, wie auch kein brillanteres Requiem je geschrieben wurde als der finale Track, das Titelstück. In zehn Schritten gehen Relleen und Magaletti noch einmal Hand in Hand vor und zurück, kreuz und quer alle Möglichkeiten von Wiederholung und Differenz durch. Bis das Licht erlischt und Stille sie verschlingt. Kristoffer Cornils

Wiki of Ratking
Half God
Wikset • 2021 • ab 25.99€
Raps Ostküstenzentrismus feiert ja mindestens einmal pro Dekade ein veritables Comeback. »Half God« reiht sich mit seiner erwachsenenen und bleaken Introspektion nahtlos in die minimalistische Loop-Verliebtheit der Generation Earl ein, erweitert dessen entwaffnende Psychoanalyse aber durch eine New York Dekodierung, die man so eigentlich nur aus der Golden Era kennt. Wikis Ich-Erzähler verlässt aber im Gegensatz zu offensichtlichen Vorbildern (Nas, Mobb Deep et al.) die enge Perspektive der Project Windows und reflektiert New York als durchgentrifiziertes Oxymoron. Produziert hat das mit Navy Blue wahlweise Earls bester Freund oder der Typ, der immer die wildesten Puffer Jackets in den Supreme Videos trägt. Special, auch ohne 25 Jahre Boom Bap Silberhochzeit in der eigenen Vita. Florian Aigner